Senegal

HintergrundinformationenHauptstadt: Dakar
Amtssprachen: Französisch
Fläche: 196.192  km2
Bevölkerungszahl (2007): 12.400.000 (Population Reference Bureau)
Bevölkerungsdichte: 63 Einwohner je km2
Bevölkerungswachstum (2005): 2,4 % (UNFPA)
Erwerbsbevölkerung (2005): 70,9 % (Senegal, ANSD) bis 75,1 % (UNFPA)
Anteil ausländischer Bevölkerung (2006): 2,8 % (UNFPA)
Anteil ausländischer Beschäftigter an allen Erwerbstätigen: k.A.
Arbeitslosenquote (2001/02): 5,6 % (Senegal, ANSD)1
Religionen: 94 % muslimisch (Sufis), 5 % römisch-katholisch,
1 % einheimische Religionen (CIA)

In Europa besteht weit verbreitet ein Bild Afrikas als Krisenkontinent, dessen Bevölkerung massenweise einen Weg nach Europa sucht. Dagegen illustriert das Beispiel Senegal afrikanische Migration als ein deutlich vielschichtigeres Phänomen. So ist Migration im Senegal – wie auch afrikanische Migration allgemein – primär innerafrikanische Migration gewesen. Historisch war der Senegal nicht Herkunftsland, sondern Ziel von Migranten. Es deutet sich allerdings an, dass sich sowohl in Bezug auf die Migrationsrichtung als auch auf Zielregionen senegalesischer Migranten seit den 1990er Jahren ein Umschwung vollzogen hat. Infolgedessen steht der Senegal vor einer Reihe von Herausforderungen.2 So ist, von der europäischen Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, die Zuwanderung zu verwalten. Des Weiteren muss politisch auf eine wachsende Migrationsbereitschaft der Bevölkerung reagiert werden. Gleichzeitig nimmt der Druck europäischer Staaten auf die afrikanischen Behörden zu, die Migration einzudämmen. Aber auch in einigen Staaten Afrikas – für den Senegal sind hier insbesondere die Elfenbeinküste und Gabun bedeutend – wird der Zuwanderung zunehmend ablehnend begegnet, was sowohl innenpolitische als auch bilaterale Konflikte hervorruft. Schließlich stellt sich die Frage des Umgangs mit den ansteigenden Rücküberweisungen und dem wirtschaftlichen Potenzial der senegalesischen Migranten.

Hintergründe der Migration

Die Migration aus dem Senegal hat in der letzten Dekade zugenommen. Diese Entwicklung fand vor dem Hintergrund wirtschaftlicher und demographischer Umwälzungen statt, deren Kenntnis für ein Verständnis der Migrationsproblematik notwendig ist. Der Senegal befand sich seit Mitte der 1970er Jahre in einer wirtschaftlichen Krise, die sich in den 1990er Jahren zuspitzte. Zwischen 1990 und 1999 sank das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um 28,1 %.3 Die Krise hat sich negativ auf die privatwirtschaftlichen wie politischen Integrationskapazitäten ausgewirkt. Die Chancen auf eine Anstellung im Staatsdienst sind stark zurückgegangen, während die privatwirtschaftliche Entwicklung zu schwach ist, um den Arbeitsmarkt signifikant zu entlasten. Hinzu kommt ein hohes Bevölkerungswachstum, infolgedessen sich die Bevölkerung des Senegal seit der Unabhängigkeit 1960 fast vervierfacht und stark verjüngt hat. Inzwischen ist etwa die Hälfte der Bevölkerung unter 18 Jahre alt. Es strömt damit jedes Jahr eine höhere Anzahl junger Menschen auf den Arbeitsmarkt, deren berufliche Perspektiven sehr begrenzt sind.

Die internationale Migration war zunächst eine Reaktion auf diese Krisensituation und ist inzwischen zum Modell sozialen Aufstiegs geworden. Während einst der staatliche Funktionär individuellen Erfolg symbolisierte, ist dies nun der internationale Migrant. Dies zeigt sich unter anderem an senegalesischen Popsongs, in denen der Migrant als moderner Held besungen wird.4 Entsprechend richtet sich die „Karriereplanung“ junger Menschen zunehmend auf den internationalen Arbeitsmarkt aus. Gleichzeitig steigen durch die sich fester etablierenden und umfassender werdenden Netzwerke vorangegangener Migranten die Möglichkeiten zur Migration. Trotz dieser Netzwerke wissen wenige Migrationswillige, wie der Alltag in Europa aussieht. So stehen sich das Klischee vom „Paradies Europa“ sowie das Bild vom Migranten als Inbegriff des Erfolges und die tatsächlichen Migrationserfahrungen des durchschnittlichen Zuwanderers diametral gegenüber.

Diese Erlebnisse im Zielland sind oft gleichbedeutend mit einem Verlust an Lebensqualität gegenüber der Situation im Senegal und sind geprägt von Einsamkeit, wirtschaftlicher Not, Ausbeutung, Diskriminierung und massivem sozialem Druck der vom Reichtum des Migranten überzeugten Familie, zu ihrem finanziellen Unterhalt beizutragen. Höher qualifizierte Migranten werden im Zielland meist nicht ausbildungsadäquat beschäftigt und sind ebenfalls von Diskriminierung und Armut betroffen. Ein großer Teil der senegalesischen Migranten in Deutschland würde unter den gegebenen Bedingungen weder erneut nach Europa migrieren noch dies anderen Ausreisewilligen raten.5 Dennoch hält sich im Senegal, wie in weiten Teilen Afrikas, ein unrealistisches Bild von Europa.

Die Erklärung dafür, dass trotz vielfach enttäuschter Erwartungen weiterhin migriert wird, findet sich in den sozialen Zusammenhängen, in denen Migranten sich bewegen. Migranten unterliegen generell den Erwartungen der Familie, diese zu unterstützen. Die soziale Pflicht zur materiellen Unterstützung erhöht sich natürlich, wenn andere Familienmitglieder die Migration finanziert haben. Der Erfolgsdruck ist enorm. Während wirtschaftlicher Misserfolg in Afrika als nicht ungewöhnlich gilt, wird er bei  einem Migranten in Europa als Versagen gewertet und bringt soziale Verachtung mit sich. Über Misserfolge, wie sie beispielsweise zügig Abgeschobene erleiden, wird kaum geredet, und schwierige Lebensumstände werden verschwiegen. Klagen eines (scheinbar) Erfolgreichen gelten als Selbstmitleid und sind gesellschaftlich nicht akzeptiert. Der „erfolgreiche“, sich gemäß traditionellen Normen großzügig zeigende Migrant wird hingegen in Familie und Nachbarschaft idealisiert. Die Familie hat meist eine allenfalls unklare Vorstellung davon, wie das Geld, von dem sie lebt, erwirtschaftet wurde.

Historische Entwicklung der Migration

Innerafrikanische Migration
Afrika gilt als Kontinent mit historisch überaus mobilen Bevölkerungen. Diese Tendenz wurde aufgrund kolonialer Eroberungen und der kolonialen Umstrukturierung der Wirtschaft ab Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt. Afrikanische Migration ist somit alles andere als ein junges Phänomen.

Der 1960 unabhängig gewordene Senegal war zunächst hauptsächlich Zielland afrikanischer Migranten. Die größte Gruppe an Zuwanderern stammte aus dem benachbarten Guinea, von wo sie vor der Repression durch Präsident Sékou Touré (1958-1984) geflohen waren.(6) Guinea-Bissau gilt ebenfalls als wichtige Quelle von Zuwanderern im Senegal; in Folge des bissauischen Unabhängigkeitskrieges (1963-74) sind Anfang der 1970er Jahre 75.000 Personen aus diesem Land nach Senegal gekommen.7 Bereits in der Kolonialzeit waren etwa 100.000 Personen aus Mauretanien in den Senegal eingewandert. Im Zuge der Entwicklung des Handels mit Importwaren erlangten Mauretanier eine herausragende Position im Kleinhandel, insbesondere im Hinterland, und ihre Anzahl wuchs auf bis zu 250.000 an.8 Insbesondere aufgrund der in der Kolonialzeit gebauten Bahnlinie zwischen den Hauptstädten Malis und des Senegal entstand zwischen beiden Ländern früh ein schwunghafter Handel, in dessen Kontext sich Migranten aus Mali im Senegal ansiedelten. Auch eine verhältnismäßig große Zahl an Gambiern lebt im Senegal. Der geografisch fast vollständig vom Senegal umschlossene Kleinstaat Gambia unterhält enge wirtschaftliche und kulturelle Verbindungen mit dem Nachbarn.

Die innerafrikanische senegalesische Emigration richtete sich bis in die 1960er Jahre insbesondere auf die Länder Mauretanien, Mali, Guinea und Guinea-Bissau aus. Ab Ende der 1960er Jahre wurden die Elfenbeinküste und Gabun aufgrund der hohen Nachfrage nach Arbeitskräften zu bedeutenden Zielländern. Anfang der 1970er Jahre weiteten sich die Migrationsströme im Rahmen des Diamanten- bzw. Edelsteinhandels bis nach Zentralafrika aus, insbesondere in den Kongo (Brazzaville), nach Zaire und Kamerun. Ein allgemeiner wirtschaftlicher Niedergang dieser Länder ab den späten 1970er Jahren und die Kriege im Kongo und in Zaire in den 1990er Jahren ließen diese Wanderungsbewegungen weitgehend versiegen. Die senegalesische Population in Mauretanien wurde 1989 vertrieben (siehe Flucht und Asyl), und anschließend wurden Fischereirechte für Senegalesen in Mauretanien stark eingeschränkt.9 Seit Ende der 1990er haben zunehmende xenophobe Tendenzen in der Elfenbeinküste und Gabun die Attraktivität dieser Länder für Migranten gemindert. Im Kontext des 2002 begonnenen Krieges in der Elfenbeinküste richtete sich die Gewalt auch gegen Senegalesen.10 Infolge der Übergriffe und des allgemeinen Niedergangs des Landes ist ein Großteil der senegalesischen Migranten aus der Elfenbeinküste zurückgekehrt. Spätestens seit den 1990er Jahren hat sich also ein massiver Umbruch in der innerafrikanischen Migration vollzogen. Gleichzeitig scheinen Industrieländer und – aufgrund der boomenden Ölwirtschaft – auch Libyen11 und Mauretanien verstärkt zu Migrationszielen von Senegalesen geworden zu sein.

Interkontinentale Migration
Seit der frühen Kolonialzeit war der Senegal Ziel der Zuwanderung von Libanesen und Franzosen. Franzosen waren in der Regel Angestellte der Kolonialverwaltung oder der Handelshäuser und verließen das Land überwiegend nach der Unabhängigkeit, wenngleich eine signifikante Anzahl geblieben bzw. dorthin ausgewandert ist. Die ersten Libanesen kamen Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Auswanderungswellen aus dem Libanon. Sie konnten sich, vielfach als Zwischenhändler für Erdnüsse, erfolgreich in die koloniale Ökonomie integrieren, und ließen später Migranten ihrer Herkunftsregionen nachziehen. Aufgrund der Lobbyarbeit senegalesischer Händler wurde 1970 ein Niederlassungsverbot für Libanesen verhängt, dennoch stieg die Anzahl der Libanesen weiter leicht an.12 Libanesen erlangten herausragende Positionen im Handel und kontrollieren noch heute einen bedeutenden Teil der Geschäfte.

Die ersten Senegalesen gelangten infolge ihrer Einbeziehung in die französische Kolonialarmee nach Europa. Viele Soldaten verdingten sich nach ihrem Ausscheiden aus der Armee im Hafen von Marseille, das zu einem Zentrum der Senegalesen in Europa wurde. Frankreich blieb aufgrund der engen Beziehungen Senegals zur einstigen Kolonialmacht lange das bei Weitem bedeutendste europäische Zielland senegalesischer Migranten, welche insbesondere im europäisch-afrikanischen Handel aktiv waren. Frankreich führte 1985 die Visumspflicht für den Senegal ein, womit andere Länder als Migrationsziele an Bedeutung gewannen. Italien wurde als Folge der Legalisierungen des Aufenthaltes irregulärer Migranten im Zuge der Gesetzesakte Martellis (1990) und Dinis (1994) in den 1990er Jahren zum wichtigsten europäischen Zielland senegalesischer Migranten. Arbeit fanden die Zuwanderer sowohl im Tourismus als auch in der Industrie Norditaliens. Seit Ende der 1990er Jahre haben der Bausektor und die Landwirtschaft Spaniens zunehmend senegalesische Migranten angezogen.

Auch die Vereinigten Staaten wurden in der letzten Dekade als Zielland insbesondere für die jüngeren Angehörigen der Mittelschicht immer beliebter. Die Migration in die USA entwickelte sich durch Geschäftsreisen von Händlern, die elektronische Geräte in den Senegal einführten und afrikanische Waren in die USA exportierten. Insbesondere in New York hat sich eine starke senegalesische Gemeinschaft herausgebildet. Die jüngere Generation von Migranten ist überwiegend im niedrig entlohnten Dienstleistungssektor tätig.13

Politisch-rechtliche Entwicklungen

Zuwanderung
Fragen der Zuwanderung waren im Senegal politisch von untergeordneter Bedeutung, und politische Interventionen sind in der Regel im Rahmen internationaler Abkommen erfolgt. Historisch wurde Zuwanderung, primär ideologisch bedingt, als etwas Positives wahrgenommen. Im senegalesischen Nationalbewusstsein nimmt der Wert der Gastfreundschaft (Teranga) eine wichtige Rolle ein. Darüber hinaus war der erste Präsident des Senegal, Léopold Sédar Senghor, einer der großen Theoretiker des Panafrikanismus, welcher die Einheit aller afrikanischen Bevölkerungsgruppen propagierte.14

Im Bereich der Zuwanderungspolitik ist das „Protokoll über den freien Personenverkehr, das Recht zum Aufenthalt und zur Niederlassung“ die für den Senegal bedeutendste internationale Übereinkunft. Das Protokoll wurde 1979 durch die Mitglieder der Economic Community of West African States (ECOWAS) unterzeichnet.15 Hiervon wurde bisher einzig die visumsfreie Einreise für Staatsbürger der Gemeinschaft umgesetzt. Das Aufenthaltsrecht wird im Senegal jedoch wenig restriktiv gehandhabt. Bei Bedarf eines Arbeitgebers können Arbeitserlaubnisse für Ausländer erteilt werden, Arbeitsplätze sind jedoch prioritär mit Einheimischen zu besetzen (Gesetz No. 71-10 vom 25. Januar 1971). Afrikanische Migranten arbeiten meist im informellen Sektor, wofür die Gesetzeslage von untergeordneter Bedeutung ist.

Der Senegal hat darüber hinaus eine Reihe internationaler Gesetzesinitiativen zum Flüchtlingsschutz unterzeichnet, so unter anderem die Flüchtlingskonvention der Organization of African Unity (OAU) von 1969.16 Auch hat das Land die UN-Konvention über die Rechte von Arbeitsmigranten (1990) ratifiziert.

Auswanderung
Die bedeutendsten innenpolitischen Anstrengungen des Senegals im Bereich Migration sind auf die entwicklungspolitische Nutzung des Potenzials der Emigranten verwendet worden. Zu diesem Zweck wurde ein Ministerium für Auslandssenegalesen (Ministère des Sénégalais de l’Extérieur) etabliert. Die politischen Bemühungen konzentrierten sich darauf, Auslandssenegalesen für produktive Investitionen im Lande zu gewinnen. Auf der Grundlage eines bilateralen Abkommens finanzierte Frankreich 1983 erstmals ein Programm zur beruflichen Bildung von und Kreditvergabe an rückkehrwillige Migranten.17 Im Jahr 1987 etablierten Frankreich und der Senegal das Büro zur Aufnahme, Orientierung und Betreuung der Rückkehrer (Bureau d’Accueil, d’Orientation et de Suivi des Actions de Réinsertion des Émigrés, BAOS), inzwischen angesiedelt im Außenministerium. Das BAOS betreut vor allem kleinere Projekte von Rückkehrern, wird jedoch aufgrund administrativer Defizite, mangelnder Finanzierung und geringem Vertrauen seitens der Migranten wenig genutzt.

Im Jahre 2000 wurde die Agentur für die Förderung von Investitionen und Großprojekten (Agence pour la Promotion des Investissements et des Grands Travaux, APIX) gegründet. Die APIX bündelt alle zur Unternehmensgründung notwendigen administrativen Prozeduren einschließlich der Importformalitäten und führt darüber hinaus Machbarkeitsstudien durch. Des Weiteren übernimmt sie die Abwicklung von Projekten, über die Rückkehrer von Frankreich und Deutschland mit Krediten gefördert werden. Im Gegensatz zum BAOS richtet sich die APIX nicht nur an Migranten, sondern an Investoren allgemein, und betreut vor allem finanziell aufwendigere Projekte. Insgesamt scheinen die beiden staatlichen Initiativen aufgrund der allgemeinen Defizite senegalesischer Verwaltung von geringen Erfolgen gekennzeichnet.18

Das Thema Migration hat mit steigenden Rücküberweisungen19 und deren zunehmender Bedeutung für die nationale Wirtschaft Eingang in den politischen Diskurs gefunden. Die senegalesische Regierung steht der Migration grundsätzlich positiv gegenüber.20 International setzt sie sich für vermehrte legale Migrationsmöglichkeiten nach Europa ein. In Verhandlungen mit europäischen Staaten hat die Regierung Senegals betont, zur Verringerung der Migration auf Entwicklungsprojekte und nicht auf Repression zu setzen. Sie hat sich darüber hinaus für einen besseren Schutz von Migranten in Afrika und Europa ausgesprochen.21 Allerdings haben der internationale Druck infolge massiver Wanderungsbewegungen auf die Kanarischen Inseln seit 2006 und die nationale Empörung über die hohen Opferzahlen, die diese gefährlichen Überfahrten forderten, zu einer Verstärkung der Grenzsicherung geführt. Die Küste wird relativ stark vom Staat kontrolliert, dazu patrouillierte 2006/2007 die europäische Grenzsicherungsagentur Frontex in senegalesischen und mauretanischen Gewässern, um potenzielle Migranten an der Überfahrt zu hindern.

Als Reaktion auf die hohe Zahl an Migranten, die eine Überfahrt in Richtung Kanarische Inseln wagen, fanden vermehrt Gespräche mit verschiedenen europäischen Staaten bzw. der EU statt. Im Oktober 2006 unterzeichneten der Senegal und Frankreich ein Abkommen, welches die schnellere Abschiebung irregulärer Migranten und eine erleichterte Einreise für Fachkräfte, Studenten und Künstler nach Frankreich vorsah. Auch mit Spanien wurden 2006 mehrere Abkommen geschlossen. Unter anderem wurde die Abschiebung irregulärer Migranten erleichtert und eine Erhöhung der Entwicklungshilfe vereinbart. Auf dieser Grundlage wurden 2006 über 3.000 Senegalesen abgeschoben. Ende 2006 unterzeichneten beide Länder ein wegweisendes Abkommen, das über eine Periode von zwei Jahren (2007/08) die Vergabe von 4.000 temporären Arbeitserlaubnissen an Senegalesen vorsieht. Als Resultat einer afrikanisch-europäischen Konferenz vom Juli 2006 finanziert die Europäische Kommission seit April 2007 ein Projekt zur Erhöhung der Kontrollkapazitäten der senegalesischen Behörden mit einem Volumen von 1.016.945 Euro. Auch ein von 2007 bis 2011 von Industrieländern und Afrikanischer Entwicklungsbank mit sechs Milliarden US-Dollar finanziertes Projekt für landwirtschaftliche Entwicklung in acht westafrikanischen Ländern, darunter Senegal, steht im Zeichen der Migrationseindämmung.

Die Auswandererbevölkerung

Laut Weltbank lebten 2005 rund 463.000 Senegalesen oder 4 % der Bevölkerung im Ausland.23 Einer Haushaltsbefragung des senegalesischen Wirtschafts- und Finanzministeriums zufolge haben 76 % der urbanen Haushalte und 70 % der Haushalte landesweit mindestens einen Angehörigen im Ausland.24 Von den senegalesischen Migranten gehen 46 % nach Europa, wobei Italien, Frankreich und Spanien die wichtigsten Zielländer darstellen, und 8 % nach Nordamerika. Die bedeutendsten afrikanischen Migrationsziele sind Gambia, die Elfenbeinküste, Mali und Mauretanien. Gambia hat aufgrund seiner geografischen Lage etwa 300.000 Senegalesen unter seinen Einwohnern. In der Elfenbeinküste lebten bis vor der Krise etwa 125.000 senegalesische Staatsangehörige,25 wovon ein Großteil seit Beginn des Krieges 2002 zurückgekehrt ist. Die Zahl der Senegalesen in Mauretanien wird auf 50.000 bis 60.000 geschätzt, während Mali etwa 30.000 beherbergt. In Guinea-Bissau befindet sich eine senegalesische Population von 10.000 bis 20.000 Personen.26

Migranten verbleiben tendenziell über lange Zeiträume im Zielland, auch wenn ein nicht unbedeutender Teil der irregulären Migranten in den Industrieländern innerhalb kurzer Zeit abgeschoben wird. Generell planen senegalesische Migranten ihren Auslandsaufenthalt jedoch als temporäre Erfahrung. Auf der Basis einer Stichprobe in Deutschland ansässiger Migranten kann davon ausgegangen werden, dass sich ihr Wunsch zur Rückkehr aus einer Vielzahl von Gründen nicht erfüllt.27 Hierzu gehören die Familiengründung im Zielland, oftmals die finanzielle Abhängigkeit der Familie im Senegal sowie die Angst vor sozialem Abstieg im Heimatland.28

Der oben erwähnten Haushaltsbefragung zufolge waren 46 % der Migranten vor ihrer Auswanderung selbstständig oder abhängig beschäftigt, inklusive Beschäftigungen im informellen Sektor und der Subsistenzwirtschaft. Von Arbeitslosigkeit betroffen waren 29 %, 14 % waren Schüler oder Studenten und 7 % Hausfrauen. Laut der Befragung sind etwa 84 % der Migranten Männer,29 von denen 68 % zwischen 15 und 34 Jahre alt sind.

Senegalesische Migranten in Industrieländern weisen zudem ein relativ hohes Bildungsniveau auf. Innerhalb einer Stichprobe von 51 Senegalesen in Deutschland verfügen 22 über einen Abschluss einer höheren Bildungsinstitution.30 Unter den Senegalesen in den USA haben lediglich 9 % vier Jahre oder weniger Schulbildung, während 25 % mindestens vier Jahre tertiäre Bildung vorweisen können.31 Laut Weltbank beträgt die Emigrationsrate von Senegalesen mit tertiärer Bildung 24,1 %. Rund 51,4 % der im Land ausgebildeten Ärzte bzw. 26,9 % des Pflegepersonals haben den Senegal verlassen.32

Migration ist in weiten Teilen keine individuelle, sondern eine kollektive Angelegenheit. Dies betrifft die Finanzierung, den finanziellen Nutzen der Migration und oft auch die Migrationsentscheidung selbst. Insgesamt fällen lediglich 58 % der senegalesischen Emigranten die Entscheidung zur Ausreise im Wesentlichen selbst, und nur 46 % finanzieren sie eigenständig.

In Deutschland lebende Senegalesen überweisen ihren Familien durchschnittlich zwischen 125 und 250 Euro pro Monat.33 Die Überweisungen in den Senegal haben sich zwischen 1998 und 2004 drastisch von 91 Millionen auf 563,2 Millionen US-Dollar erhöht, während sich die Überweisungen aus dem Senegal auf einem relativ kontinuierlichen Niveau bewegten (siehe Abbildung 2.). Migrationsursächliche Finanzzuflüsse wurden 2005 auf 7,6 % des Bruttoinlandsproduktes geschätzt.34 Die Auswirkungen der Rücküberweisungen auf den Lebensstandard scheinen uneinheitlich zu sein. Im urbanen Milieu machen sie sich klar positiv bemerkbar. In Dakar beispielsweise haben 85,2 % der Haushalte mit Migranten umgerechnet wenigstens 343 Euro pro Kopf und Jahr zur Verfügung, während dies nur auf 69,2 % der Haushalte ohne Migranten in der Familie zutrifft. Im ländlichen Raum zeigen sich keine eindeutigen Einkommensverbesserungen. Dieses häufige Phänomen erklärt sich daraus, dass die ländliche Bevölkerung ihre produktiven Tätigkeiten zum Teil aufgibt und sich auf die Unterstützung durch die Migranten verlässt.35

Staatsbürgerschaft

Die Staatsbürgerschaft im Senegal ist im Gesetz No. 61-70 vom 7. März 1961 geregelt, welches seither mehrere Änderungen erfahren hat. Der Senegal erkennt vier Prinzipien des Erwerbs der Staatsbürgerschaft an: Abstammung, Einheirat von Frauen, Aufenthalt und Dekret des Staatspräsidenten.

Sofern sie dies nicht ablehnen, erhalten weibliche Ausländer, die einen Senegalesen heiraten, automatisch die senegalesische Staatsbürgerschaft. Ist ein ausländischer Mann mit einer Senegalesin verheiratet, kann er nach fünf Jahren Aufenthalt im Land auf Antrag hin eingebürgert werden. Ansonsten muss ein Kandidat für die Einbürgerung mindestens zehn Jahre seinen Hauptwohnsitz im Senegal haben. Naturalisierte Senegalesen haben allerdings für die ersten zehn Jahre gravierende Einschränkungen ihrer staatsbürgerlichen Rechte hinzunehmen. Während dieser Zeit kann die eingebürgerte Person sich nicht für politische Ämter zur Wahl stellen, kein Ministeramt übernehmen und nicht im öffentlichen Dienst angestellt werden. Des Weiteren ist sie für fünf Jahre für die Ausübung einer Reihe freier Berufe gesperrt. Diese Bestimmungen sind 1984 und 1989 verschärft worden. Zudem ist die Einbürgerungspraxis restriktiv. Lediglich 592 Personen wurden in 30 Jahren auf einen Antrag hin eingebürgert, wobei es sich vor allem um tendenziell finanzkräftige Franzosen und Libanesen gehandelt zu haben scheint.36

Der Senegal akzeptierte lange keine doppelten Staatsbürgerschaften, in der behördlichen Praxis werden diese jedoch inzwischen anerkannt.37 Schwierigkeiten stellen sich vor allem dann ein, wenn der Zweitstaat keine andere Staatsbürgerschaft duldet. Dies bedeutet beispielsweise für Migranten senegalesischer Abstammung mit deutscher Staatsbürgerschaft erhöhte Probleme, eine wirtschaftliche Existenz im Senegal aufzubauen.

Irreguläre Migration

Die Migration aus dem Senegal ist zu großen Teilen dem Bereich der „irregulären Migration“ zuzuordnen. Dabei reist nur ein geringer Teil der Migranten illegal in Europa ein. Die weitaus meisten erhalten aufgrund von Geschäfts- oder Touristenvisa Einlass und werden erst mit Überschreitung der darin festgelegten maximalen Aufenthaltsdauer zu irregulären Migranten. Diese Form der Migration ist relativ teuer: Zu den Flugkosten von etwa 900 Euro kommen beispielsweise Kautionszahlungen für den Erhalt eines Geschäftsvisums von etwa 1.500 Euro. Wird dem Migranten das Visum versagt, gibt es die Möglichkeit, dieses über Zwischenhändler besorgen zu lassen. Die Kosten der Reise belaufen sich dann auf über 5.000 Euro.38

Aufgrund dieser hohen Reisekosten haben sich diverse alternative Migrationswege entwickelt. Migranten, die den Landweg benutzen, verdienen sich das Geld hierfür oft durch Arbeiten auf der Wegstrecke. Zwei wichtige Routen verlaufen quer durch die Sahara. In den frühen 2000ern nutzten etwa 80 % der damals 65.000 bis 80.000 Transsahara-Migranten die Ostroute über Agadez (Niger) an die libysche Mittelmeerküste. Von hier aus setzten kleine Fischerboote (pateras) nach Italien über, insbesondere auf die Insel Lampedusa. Die alternative Westroute verläuft von Agadez über Nordwestalgerien nach Nordmarokko. Der Seeweg von dort nach Spanien war bereits ab ca. 2000 aufgrund verstärkter Kontrollen weniger bedeutend geworden. Entsprechend erhöhte sich die Zahl der (versuchten) Grenzüberquerungen in die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla. Im September 2005 versuchten mehrere Tausend Migranten, die Grenzzäune zu überwinden. Hierbei gab es 14 Todesopfer.39 Die Migrationsrouten verlagerten sich daraufhin an die marokkanische Atlantikküste, von wo auf die Kanarischen Inseln übergesetzt wurde. Infolge intensivierter Kontrollen legten die Boote zunehmend von weiter südlich gelegenen Plätzen aus ab. Zunächst wurde die mauretanische Küste ein bedeutender Ausgangspunkt der Migration nach Europa, dann die des Senegal. Inzwischen beginnt die Fahrt zum Teil in Guinea-Bissau.

Im Jahr 2006 versuchten mehrere Tausend Migranten, die Kanarischen Inseln zu erreichen, wobei ein großer Teil der Überfahrten von senegalesischen Fischern durchgeführt wurde. Im Laufe des Jahres erreichten etwa 32.000 Migranten die Inselgruppe. Im Vorjahr waren es lediglich 4.800 gewesen.40 Eine Überfahrt auf der äußerst gefährlichen Passage kostet durchschnittlich 620 Euro.41 Im Jahr 2006 wurden 1.167 Leichen ertrunkener Migranten geborgen,42 zudem gelten mehrere Tausend Personen als vermisst. Der Anteil der Senegalesen an den Migranten wurde auf etwa 50 % geschätzt.43

Der Anteil der ohne Aufenthaltsstatus in Europa lebenden Senegalesen ist kaum zu beziffern. Ein großer Teil erlangt jedoch mittelfristig einen legalen Aufenthaltsstatus. Die anfängliche Verschleierung der Herkunft verhindert oft eine schnelle Abschiebung, da kein Aufnahmeland zu identifizieren ist. Eine Alternative kann das Leben in der Illegalität im engeren Sinne, d. h. ohne Meldung bei den Behörden, sein. Ein weit verbreiteter Weg zur Erlangung eines legalen Aufenthaltsstatus ist die Heirat mit einer Europäerin – der Frauenanteil an der irregulären Migration von Senegalesen ist marginal. Aber auch von den Legalisierungen des Aufenthaltsstatus irregulärer Migranten in Italien (1990 und 1994) und Spanien (700.000 Legalisierungen 2004/05) konnten Migranten in ganz Europa profitieren. Italien hatte für 2006 erneut eine Quote von 517.000 Aufenthaltslegalisierungen festgelegt. Eine Aufenthaltslegalisierung ermöglicht den Erhalt eines Schengen-Visums zur Reise in weitere EU-Länder. Dieses begünstigt die hohe Mobilität der senegalesischen Population in Europa, die vielfach saisonale Bedürfnisse des europäischen Arbeitsmarkts bedient.

Flucht und Asyl

Senegalesische Flüchtlinge
Der Senegal war historisch ein vergleichsweise stabiler und wenig repressiver Staat. Dementsprechend sind Fluchtbewegungen aus politischen Gründen von untergeordneter Bedeutung gewesen. Für die deutschen Behörden gilt der Senegal zurzeit neben Ghana als einziges afrikanisches „sicheres Herkunftsland“. Dennoch waren im Jahre 2005 311 Senegalesen in Deutschland als politische Flüchtlinge anerkannt oder hatten Asyl beantragt. Die anerkannten Asylgesuche gehen auf die Beteiligung an einer regionalen Unabhängigkeitsbewegung und auf Oppositionsarbeit gegen die bis 2000 politisch dominierende Parti Socialiste (PS) zurück.45
Seit den frühen 1980er Jahren hat ein Konflikt im äußersten Südwesten zwischen der Regierung und der sezessionistischen Rebellenbewegung Mouvement des Forces Démocratiques du Sénégal (MFDC) Binnenflüchtlinge hervorgebracht, deren Zahl auf 64.000 geschätzt wird. In den letzten Jahren wurde die Anzahl der Flüchtlinge im engeren Sinne auf 10.000 bis 15.000 geschätzt, davon 2/3 in Guinea Bissau und 1/3 in Gambia. Der UNHCR meldete für 2005 gut 7.300 senegalesische Flüchtlinge in Guinea-Bissau und 5.500 in Gambia.

Die zweite und bedeutendste Erfahrung des Senegal mit erzwungener Migration hatte ihren Hintergrund in innenpolitischen Konflikten Mauretaniens. In deren Folge kam es zu Spannungen zwischen arabischsprachigen und anderen Bevölkerungsteilen, die vielfach über ethnische Bindungen in den Senegal verfügen. Gewaltsame Auseinandersetzungen weiteten sich 1989 auf den Senegal aus, wo Mauretanier vertrieben und ihre Geschäfte geplündert wurden. Die mauretanische Regierung befahl die Ausreise aller „Senegalesen“, wovon in dem rassistisch aufgeladenen Konflikt ebenso Teile der mauretanischen Bevölkerung betroffen waren. Schätzungen gehen von mindestens 200.000 Menschen aus, die aus beiden Ländern vertrieben wurden. In der Folgezeit beruhigte sich die Lage, und ein Teil der Vertriebenen kehrte zurück. Aktuell leben etwa 50.000 bis 60.000 Senegalesen in Mauretanien.

Flüchtlinge im Senegal
In den letzten Jahren hat der Senegal etwa 23.000 Flüchtlinge und Asylsuchende auf der Grundlage der OAU-Flüchtlingskonvention beherbergt, die überwiegend aus Mauretanien (20.000) und vereinzelt aus Sierra Leone, Liberia, der Elfenbeinküste und der Demokratischen Republik Kongo stammen. Die mauretanischen Flüchtlinge lebten seit der Krise 1989 überwiegend in Flüchtlingsdörfern entlang der Landesgrenze und sind seit 1996 nahezu vollständig selbstversorgend. Sie sind in der Landwirtschaft bzw. Viehzucht aktiv, daneben hat die Flüchtlingspopulation senegalesisch-mauretanische Händlernetzwerke etabliert.46 Im Juni 2007 erklärte die mauretanische Regierung, die Rückkehr der Flüchtlinge zu akzeptieren.

Aktuelle Entwicklungen und zukünftige Herausforderungen

Steuerung der Auswanderung
Senegalesische Auswanderung galt bisher als primär innerafrikanische Migration. Die Entwicklung der Rücküberweisungen, die gesunkene Attraktivität der Zielländer Elfenbeinküste und Gabun sowie die stark gesunkenen Preise für eine Fahrt nach Europa über die Kanaren sprechen jedoch dafür, dass sich hier in den letzten Jahren ein Umschwung vollzogen hat.47 Die Steuerung dieses Migrationsflusses stellt sowohl Europa als auch den Senegal vor Herausforderungen.

Auf europäischer Seite sind Maßnahmen, die allein auf eine Abschottung abzielen, wenig Erfolg versprechend, da sie bislang hauptsächlich eine Verschiebung der Migrationsrouten zur Folge gehabt haben. Eine vollständige Grenzsicherung Europas, die alte wie neue Schlupflöcher abdeckt, bedeutete kaum tragbare Kosten. Vermehrten Abschiebungen stehen kaum aufhebbare juristische und administrative Hürden sowie moralische Bedenken entgegen.

Dem Senegal stehen grundsätzlich die Optionen offen, Migranten für den internationalen Arbeitsmarkt zu produzieren oder insbesondere qualifizierte Arbeit für die einheimische Wirtschaft, insbesondere den Gesundheitssektor, zur Verfügung zu stellen. Die Regierung setzt, zumindest vorübergehend, auf eine Entlastung des einheimischen Arbeitsmarktes durch Emigration und Rücküberweisungen. Sie erwartet des Weiteren mittelfristig positive Effekte durch Weiterqualifizierung im Ausland (ungeachtet der Tatsache, dass ein großer Teil der qualifizierten Migranten keinen angemessenen Arbeitsplatz im Zielland findet) und Investitionen durch Rückkehrer. Die potenziell negativen Auswirkungen der Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte („Brain Drain“) haben bislang kaum Eingang in die politische Diskussion gefunden. Auch fehlt im Senegal der politische Wille, die Verwaltung zu professionalisieren und elitäre Strukturen abzuschaffen, um mehr qualifizierte Arbeitsplätze im Inland zu schaffen, die für rückkehrende Migranten attraktiv wären.

Angesichts des Bedarfs europäischer Länder an qualifizierten Fachkräften liegt eine Erleichterung der Migration im Rahmen von Abkommen im beiderseitigen Interesse. Eine Erleichterung des Zuzugs für Fachkräfte bedeutet allerdings nicht unbedingt eine abnehmende Migrationsbereitschaft unqualifizierter Arbeitskräfte. Aufgrund wachsender Migrantennetzwerke ist ebenso gut eine Zunahme der Migration letzterer Personengruppe möglich. Insbesondere in Südeuropa besteht durchaus eine große Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften. Wenn dennoch ein Interesse an der Eindämmung der Migration besteht, ist die Förderung von Einkommensmöglichkeiten im Herkunftsland, vor allem in arbeitsintensiven Bereichen wie Fischerei und Landwirtschaft, sinnvoll. Subventionen für die europäische Agrarwirtschaft sind weiterhin ein starkes Hindernis für die landwirtschaftliche Entwicklung des Senegal.

Anstieg der Rücküberweisungen
Als zweite Tendenz werden voraussichtlich auch die Rücküberweisungen weiter ansteigen, was sowohl positive als auch negative Auswirkungen haben kann.48 Von den Rücküberweisungen profitiert aufgrund vermehrten privaten Wohnungsbaus insbesondere der seit einigen Jahren hohe Wachstumsraten verzeichnende Bausektor. Hierdurch wird zum einen der Arbeitsmarkt entlastet. Zum anderen wird in Baufirmen investiert und dort vermehrt Kapital gebildet. Es wäre dennoch von Vorteil, Rücküberweisungen verstärkt in produktive Sektoren zu leiten. Nahezu alle Migranten sind daran interessiert, erwirtschaftete Mittel rentabel im Herkunftsland zu investieren. Die Mehrheit der Migranten hat das Scheitern eigener wirtschaftlicher Projekte im Senegal erlebt.49 Gründe hierfür sind unter anderem die auf gegenseitige Unterstützung ausgelegten Sozialstrukturen, aufgrund derer regelmäßig bei Notfällen (Krankheit, drohender Schulabbruch etc.) geschäftliche Gelder konsumptiv verwendet werden. Hinzu kommen administrative Hürden bzw. ein allgemein defizitäres institutionelles Umfeld. Um das Potenzial der Migranten für die wirtschaftliche Entwicklung einzusetzen, bedarf es einer Verbesserung sowohl der Betreuung für Rückkehrer als auch der allgemeinen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Politisch unterstützte Anlagefonds für Branchen mit komparativen Kostenvorteilen wären eine Möglichkeit, im Ausland erwirtschaftete Mittel verstärkt profitabel zu investieren. Aufgrund des relativ geringen Vertrauens von Auslandssenegalesen in die Verwaltung von Finanzen durch den Staat wären internationale Kontrollen und Bürgschaften (ähnlich der bereits für Investitionen in Entwicklungsländern existierenden) sinnvoll.

Ausbau von gefährlichen Migrationsrouten
Die europäische Politik der Abschottung führt zu einer steigenden Nutzung überaus gefährlicher Migrationswege. Mindestens 10 %, nach einigen Schätzungen sogar 40 % der Migranten sterben auf dem Seeweg zwischen der westafrikanischen Küste und den Kanarischen Inseln. Dies entspricht mindestens 3.200 Toten im Jahr 2006. Verstärkte Kontrollen und ein gestiegenes Bewusstsein der Migranten bezüglich der Gefahren haben zu einer Abnahme der Überfahrten 2007 geführt. Nichtsdestoweniger wird sich das oft menschenverachtende Geschäft des Menschenschmuggels ohne vermehrte legale Möglichkeiten zur Migration kaum dauerhaft reduzieren lassen. Projekte regulärer Arbeitsvermittlung könnten gut mit glaubhaften Informationskampagnen verbunden werden. Diese würden zur Verringerung der Migrationsbereitschaft beitragen, da ein großer Teil der Migranten aufgrund unrealistischer Erwartungen bezüglich ihrer Perspektiven auf dem europäischen Arbeitsmarkt auswandert. Angesichts der wichtigen Rolle senegalesischer Fischer in der Organisation irregulärer Überfahrten müsste auch die Problematik der Überfischung westafrikanischer Gewässer durch europäische Fangflotten, welche den Fischern ihre Existenzgrundlage entziehen, angegangen werden. Das Fischereiabkommen mit der EU ist Mitte 2006 abgelaufen, und seither dürfen europäische Flotten offiziell nicht mehr in senegalesischen Gewässern fischen. Die Verhandlungen über weitere Abkommen in diesem Bereich gestalten sich schwierig. Obwohl die Abwesenheit der europäischen Fischer sicherlich zum Wiederaufbau der Fischbestände in senegalesischen Gewässern beitragen wird, geht dadurch gleichzeitig eine wichtige Einnahmequelle der senegalesischen Regierung verloren.  

Umgang mit Zuwanderung
Der Umgang mit Zuwanderung ist für den Senegal eine neue Herausforderung. Angesichts der negativen Erfahrungen senegalesischer Migranten im Ausland – insbesondere in der Elfenbeinküste – ist die positive Einstellung des Landes gegenüber Zuwanderern (die hauptsächlich aus anderen afrikanischen Staaten kommen) bemerkenswert. Im Senegal ist Zuwanderung historisch primär als symbolisch bedeutendes Phänomen betrachtet worden, anhand dessen sich die staatslegitimierende panafrikanistische Ideologie demonstrieren ließ. Dementsprechend ist das Niveau staatlicher Intervention in Ausländerfragen niedrig geblieben. Auch heute noch arbeiten zugewanderte afrikanische Migranten hauptsächlich im informellen Sektor. Der Staat hat durchaus Sorge getragen, die lukrativeren Beschäftigungsverhältnisse des formellen Arbeitsmarktes für die politisch gewichtigere einheimische Bevölkerung zu reservieren. Angesichts der zukünftig erwarteten Rückkehr qualifizierter Senegalesen aus dem Ausland sowie der höheren Investitionen im heimischen Bildungswesen (in den letzten Jahren wurden die Aufwendungen für Bildung auf 40 % des Budgets gesteigert), wird der senegalesische Staat vor der Herausfordungen stehen, ausreichende attraktive Beschäftigungsmöglichkeiten für die eigene Bevölkerung zu schaffen. Ob und wie der Senegal darüber hinaus politische Maßnahmen einführen wird, die auf die Nutzung des Potenzials ausländischer Migranten, die sich im Lande aufhalten, abzielen, bleibt eine offene Frage.

Endnoten

  1. Abhängig von der Berechnung variieren Arbeitslosenquoten in Ländern mit großem Subsistenzsektor, bedeutendem informellen Sektor und gravierender Unterbeschäftigung sehr stark und sind wenig aussagekräftig. Das CIA World Factbook 2006 beispielsweise gibt die Arbeitslosenquote des Senegal mit 48 % an. Aussagekräftiger und für das Migrationsgeschehen relevanter sind Variablen, die auf die geringen Einkünfte verweisen. So beträgt das Pro-Kopf-Einkommen 4,85 US-Dollar/Tag, und 63 % der Bevölkerung leben von weniger als 2 US-Dollar am Tag, jeweils gemessen in Kaufkraftparitäten (Population Reference Bureau 2006: 2006 World Population Data Sheet. Washington/D.C.).
  2. Eine weitere Form der Migration, die traditionelle Migration nomadischer Gruppen, wird hier nicht eingehender behandelt, da sie ein spezifisches und sehr komplexes Themenfeld darstellt, das jedoch für den Senegal von untergeordneter Bedeutung ist.
  3. Siehe Lahlou (2004). Das Wirtschaftswachstum hat seither angezogen. Nach Krisen führen solche Entwicklungen oft vorübergehend zu einer Steigerung der Auswanderung, da überhöhte Erwartungen gestellt werden und vermehrt Mittel zur Finanzierung einer Reise verfügbar sind.
  4. Siehe Riccio (2005).
  5. Siehe Marfaing (2003).
  6. Die Anzahl der Guineer im Senegal ist nach dem Tod Tourés von 300.000 Personen in den 1970er Jahren auf etwa 45.000 gesunken.
  7. Ende der 1990er Jahre dann lediglich 7.100.
  8. In Folge der Ereignisse von 1989 (siehe Flucht und Asyl) verließ ein Großteil der Mauretanier das Land. Daten aus Fall (2003).
  9. Siehe Marfaing (2005). In den letzten Jahren vernachlässigte Mauretanien den Fischereisektor zugunsten der jüngst begonnenen Erdölförderung, womit sich die Möglichkeiten zum Fischfang weiter verschlechtert haben.
  10. Dem Krieg ging ein Machtkampf zwischen Eliten des Nordens und des Südens voraus. Der Norden ist mehrheitlich muslimisch, und seit der späten Kolonialzeit haben sich dort viele Arbeitsmigranten, überwiegend aus Burkina Faso, niedergelassen. Im Zuge der Zuspitzung der politischen Krise bildete sich im Süden eine stark gegen Muslime und Zuwanderer allgemein gerichtete Stimmung heraus.
  11. Siehe hierzu Grégoire (2004) und Mattes (2006).
  12. Dem geschäftlichen Erfolg der Libanesen wird vielfach mit Ablehnung begegnet. Gründe hierfür sind die direkte Konkurrenz mit Einheimischen im Groß- und Einzelhandel und die relativ starke Abschottung der endogamen libanesischen Gemeinschaft von der senegalesischen Gesellschaft. Anders als Mauretanier standen Libanesen des Weiteren nicht unter dem Schutz der offiziellen panafrikanistischen Ideologie, und im Gegensatz zu Franzosen wurden sie nicht durch enge politische Beziehungen des Senegal zum Herkunftsland protegiert. Das genannte Niederlassungsverbot scheint auf mündliche Anweisung des Präsidenten zurückgegangen und nicht in Gesetzesform fixiert worden zu sein. Siehe Behrendt (2004).
  13. Siehe République du Sénégal (2004) und Tall (2002).
  14. Nichtsdestoweniger bestehen auch im Senegal Vorurteile gegen Zuwanderer (Fall 2003).
  15. Dieser gehörten damals neben dem Senegal Benin, Burkina Faso, die Elfenbeinküste, Mali, Mauretanien, Niger, Gambia, Ghana, Guinea, Guinea-Bissau, Kap Verde, Liberia, Nigeria, Sierra Leone und Togo an. Mauretanien trat 2002 aus der ECOWAS aus.
  16. Die OAU-Konvention unterscheidet sich von der Genfer Flüchtlingskonvention vor allem in zwei Punkten. Erstens werden legitime Fluchtgründe breiter definiert; auch gesellschaftliche Zustände (wie beispielsweise „foreign domination“ oder der Zusammenbruch öffentlicher Ordnung), nicht nur individuelle Verfolgung, begründen die Anerkennung einer Person als Flüchtling. Zweitens werden staatliche Interessen an der Unterbindung „subversiver Aktivitäten“ stärker berücksichtigt. Siehe Oloka-Onyango (1991).
  17. Dieses Programm war ein Fehlschlag, keines der zehn Projekte zeigte sich mittelfristig profitabel. Die Gründe hierfür wurden in inadäquater Ausbildung und Beratung der Unternehmer gesehen.
  18. So bemerkte das Bertelsmann-Ländergutachten 2003: „Eine effektive Nutzung personeller und organisatorischer Ressourcen ist eher die Ausnahme als die Regel. Bereits die versprochene Begrenzung des ersten Kabinetts Wade [2000-2007, F. G.] auf 21 Minister konnte gegen Verteilungsdruck aus dem heterogenen Regierungsbündnis nicht aufrechterhalten werden und fiel mit 29 Ministern deutlich höher aus. [Das aktuelle Kabinett ist mit 38 Ministern eines der größten Afrikas, F. G..] Effektive Verwaltung wird so bereits durch Schwierigkeiten in der Kompetenzabgrenzung auf der obersten Ebene eingeschränkt. Die öffentlichen Dienstleistungen sind im Großen und Ganzen weiteren Entwicklungsfortschritten kaum förderlich. Sie nutzen eigene Ressourcen weitgehend ineffizient und intransparent, wie auch der Rechnungshof-Bericht 2002 untermauerte“ (Bertelsmann 2003:14f).
  19. Als Rücküberweisung bezeichnet man den Teil des Einkommens, den die Migranten in Form von Geld oder Gütern vor allem zur Unterstützung ihrer Familien zurück ins Heimatland schicken.
  20. Auch der „Brain Drain“, die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, hat bisher kaum Eingang in die politische Diskussion gefunden.
  21. Anlässlich der fremdenfeindlichen Übergriffe in der Elfenbeinküste verkündete der Präsident des Senegal öffentlich, kein Afrikaner müsste in Europa erleiden, was ein Burkinabé in der Elfenbeinküste erleiden müsste. Die scharfe Reaktion des Präsidenten ist auch darauf zurückzuführen, dass senegalesische Staatsbürger systematisch Opfer der Übergriffe wurden. Auch forderte er 2005 von Spanien, die Abschiebung von 600-700 auf den Kanaren gelandeter Senegalesen auszusetzen, nachdem Vorwürfe der Misshandlung der Migranten aufgekommen waren.
  22. Innerhalb der Kategorie „andere afrikanische Länder“ ist Mauretanien mit Abstand am bedeutendsten. Das Land ist in der zitierten Statistik jedoch nicht separat ausgewiesen.
  23. Siehe Ratha und Zhimei Xu (2007).
  24. Die in diesem Abschnitt verwendeten Daten beruhen, sofern nicht anders angegeben, auf einer repräsentativen Befragung von 6.600 Haushalten im Auftrag des senegalesischen Wirtschafts- und Finanzministeriums (République du Sénégal 2004). Dies ist die mit Abstand umfassendste Untersuchung zum Thema, dennoch weisen die Daten Unsicherheiten auf und können vor allem Tendenzen illustrieren. So ist beispielsweise die ermittelte Ausländerrate mit 1,2 % unrealistisch niedrig.
  25. Laut senegalesischem Außenministerium lebten etwa 150.000 Senegalesen in der Elfenbeinküste (Diatta und Mbow 1999). Eine andere Studie ging hingegen von einer Fallzahl von 100.000 aus (Fall 2003).
  26. Daten aus Diatta und Mbow (1999) und Fall (2003).
  27. Eine aufgrund der Datenlage und Datenerfassung wenig aussagekräftige Studie geht davon aus, dass ein großer Teil der Migranten nach 20-25 Jahren Auslandsaufenthalt zurückkehrt (vgl. Diatta und Mbow 1999).
  28. Siehe Marfaing (2003).
  29. Eine ältere Studie nannte dagegen einen Männeranteil von 70 % im Jahre 1993 (CERPOD, zit. in Marfaing 2003).
  30. Siehe Marfaing (2003).
  31. Siehe Black (2004).
  32. Siehe Ratha und Zhimei Xu (2007). Zur Problematik der Migration von Fachkräften im Gesundheitswesen allgemein siehe Stewart, Clark und Clark (2007). „Abwanderung und Anwerbung von Fachkräften im Gesundheitswesen: Ursachen, Konsequenzen und politische Reaktionen.“ focus Migration Kurzdossier Nr. 7.
  33. Siehe Marfaing (2003).
  34. Siehe die Balance of Payments Statistics des IWF und Ratha und Zhimei Xu (2007). Die genannten Summen betreffen die Kategorie „Workers’ Remittances“. Dieser sind weitere Finanzflüsse hinzuzufügen, beispielsweise im Ausland erworbene Pensionsansprüche. Solche sekundären Finanzzuflüsse betrugen 2004 rund 70 Millionen US-Dollar (Ratha und Zhimei Xu 2007). Dazu sind nur über das formelle Finanzsystem abgewickelte Überweisungen erfasst. Die tatsächliche Höhe der Rücküberweisungen wird auf das Zwei- bis Dreifache geschätzt.
  35. Siehe Riccio (2005). Für weitere Informationen zum Thema Rücküberweisungen siehe Hertlein und Vadean (2006): „Rücküberweisungen: Brückenschlag zwischen Migration und Entwicklung?“ focus Migration Kurzdossier Nr. 5.
  36. Siehe Fall (2003).
  37. Details einer entsprechenden Gesetzesänderung waren nicht nachzuvollziehen. Laut telefonischer Auskunft der senegalesischen Botschaft in Berlin vom 25.06.2007 werden doppelte Staatsbürgerschaften im Senegal anerkannt. Vgl. auch Marfaing (2003).
  38. Siehe das Interview mit P. D. Tall in: Organisation internationale pour les migrations (2007): Senegal-Migrations, Bulletin d’Information No. 4, S. 2.
  39. Für weitere Information siehe „Migration und Bevölkerung“ Ausgabe 9/2005.
  40. Siehe BBC (2007).
  41. Siehe Organisation internationale pour les migrations (2007): Senegal-Migrations, Bulletin d’Information, No. 2: S. 5. Vor wenigen Jahren lagen die Preise noch deutlich höher, bei 875-1.500 Euro (Marfaing 2005).
  42. Die Angaben stammen von der spanischen Menschenrechtsorganisation Associación pro Derechos Humanos de Andalucía (http://www.apdha.org).
  43. Siehe Johnson (2006).
  44. Die Angaben zu Spanien beziehen sich auf die Kategorie „Foreign Labour“, die weiteren auf die Kategorie „Foreign Born“. Da Spanien erst kürzlich zu einem wichtigen Zielland von Senegalesen wurde, dürfte die Verzerrung aufgrund der Verwendung dieser ungleichen Kategorien unbedeutend sein.
  45. Der senegalesische Staat hat oppositionelle Kräfte historisch primär durch Vergabe von Regierungsposten eingebunden, z. T. aber auch zu repressiven Mitteln gegriffen. Im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen Staat und MFDC hatte die Bundesregierung zeitweilig den Status des Senegal als „sicheres Herkunftsland“ aufgehoben.
  46. Für weitere Informationen zur Situation der Flüchtlinge siehe Fresia (2006).
  47. Dieser Punkt ist umstritten. L. Marfaing (pers. comm.) und P. D. Tall (Interview in: Organisation internationale pour les migrations (2007): Senegal-Migrations, Bulletin d’Information No. 4, S. 2) vertreten eine konträre Position.
  48. Siehe Hertlein und Vadean (2006).
  49. Siehe Marfaing (2003).


Der Autor:
Felix Gerdes studierte Politkwissenschaft und Soziologie in Hamburg und Dakar. Seit 2005 promoviert er an der Universität Hamburg und ist Mitarbeiter an der Forschungsstelle Kriege, Rüstung und Entwicklung des Instituts für Politische Wissenschaft.

Literatur

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Internetquellen

Migration Research Group
Netzwerk Migration in Europa e.V.
bpb - Bundeszentrale für politische Bildung